Kein Platz auf der Straße

Wirtschaftsverbände sehen Standort in Gefahr

Die Beispiele aus der Praxis gibt es per Video-Einspieler: das Pelzgeschäft im Dornbusch, dem wie anderen Geschäften an der Eschersheimer Landstraße nach der Markierung des Radwegs Kunden wegbleiben. Der Kälteanlagenbauer, der vor seinem Betrieb in Sachsenhausen keinen Platz zum Beladen der Wagen findet und dessen Monteure auch beim Kunden nicht wissen, wo sie die Fahrzeuge hinstellen sollen. Oder der Recyclingunternehmer, der auf kurze Wege zwischen Baustellen und dem Standort am Osthafen setzt, dafür aber auf eine Ost-West-Verbindung wie den Mainkai angewiesen ist – für den es Pläne zur Neugestaltung ohne Autoverkehr gibt.

Wenn die Industrie- und Handelskammer (IHK) Frankfurt zusammen mit der Handwerkskammer und der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände zum verkehrspolitischen Abend in ein Autohaus einlädt, dürfen die Zuhörer keine freundlichen Worte über die städtische Verkehrspolitik erwarten. Denn die habe sich in den vergangenen Jahren vor allem gegen den Autoverkehr gerichtet, sagt der stellvertretende Hauptgeschäftsführer der hessischen Unternehmerverbände, Vladimir von Schnurbein. Frankfurt drohe seinen “einzigen Standortvorteil” zu verspielen, warnt IHK-Präsident Ulrich Caspar: “Die günstige Lage mit dem schnell erreichbaren Flughafen.”

Die Vergleiche mit Paris, das den Autoverkehr in der Innenstadt zurückgedrängt und Radwege ausgewiesen hat, ziehen für Caspar nicht. “Dort können sie machen, was sie wollen. An der Hauptstadt kommt im zentralistischen Frankreich kein Unternehmen vorbei.” Frankfurt hingegen stehe im Wettbewerb mit vielen Städten. Auch der verkehrspolitische Sprecher der CDU-Fraktion im Römer, Frank Nagel, sieht Wohlstand und Wirtschaftsstandort gefährdet, wenn man nicht auch auf diejenigen schaue, die auf das Auto angewiesen seien. Noch gebe es in Frankfurt viele Industriearbeitsplätze. Die Stadt lebe von den Hunderttausenden, die täglich zur Arbeit kämen, sagt Hendrik Gienow, Vorsitzender des Vereins “Vorfahrt Frankfurt”. Mit der “unfairen und unsozialen Verkehrspolitik” seien die Frankfurter dabei, “durch Dummheit ihre Lebensgrundlage zu verspielen”.

Christof Riess, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer, wirbt nicht nur um Differenzierung, wenn es um die Bedürfnisse der Handwerker geht, denn die einen wie die Bäcker müssten für Kunden erreichbar sein, während etwa Installateure einen Parkplatz bei den Kunden benötigten. Wichtig sei auch ein guter Nahverkehr, damit die Mitarbeiter zum Betrieb kommen könnten. Kristina Luxen (SPD) erinnert daran, was die Verkehrspolitik in Frankfurt stark verändert hat: “2019 standen wir kurz vor Fahrverboten und mussten den Luftreinhalteplan anpassen.” Inzwischen spiele der Rad- und Fußverkehr eine viel größere Rolle. Klar sei auch, dass man für die Pendlerströme ein Angebot jenseits des Autos hinbekommen müsse.

Darin herrscht Einigkeit auf dem Podium. Doch nicht nur die U5-Verlängerung ins Europaviertel zeige, dass die Jahrzehnte dauernden Nahverkehrsprojekte schneller realisiert werden müssten, sagt Schnurbein. Gienow fordert deswegen, überregional zu denken. Für ihn ist das Land Hessen gefragt. CDU-Mann Nagel hebt hingegen die Verantwortung Frankfurts in der Region hervor. Um die Schienenprojekte voranzubringen, müssten vor allem Entscheidungen gefällt werden. Für IHK-Präsident Caspar läuft alles auf die Forderung hinaus, selbst das Verkehrsmittel wählen zu können und nicht zu einem bestimmten gezwungen zu werden. Dem pflichtet Luxen bei, aber mit einem anderen Akzent: “Die Wahlfreiheit gibt es auch mit Radwegen.”