Frankfurt lässt eine Autobahn verschwinden

In Frankfurt soll ein Teil einer Autobahn, die das Stadtgebiet durchschneidet, mit einem Deckel überdacht werden. Das Stadtparlament hat dem Milliardenprojekt zugestimmt und möchte es beschleunigen.

Es ist schon mehr als 16 Jahre her, dass der damalige FDP-Abgeordnete Hans-Joachim Otto im Bundestag eine Frage stellte, mit der er die Bundesregierung in Verlegenheit bringen wollte. Warum, wollte er wissen, erhält die Autobahn 3 bei Aschaffenburg einen Lärmschutzdeckel, nicht aber die A 661 zwischen den deutlich dichter besiedelten Frankfurter Stadtteilen Seckbach und Bornheim? Ein Staatssekretär aus dem Bundesverkehrsministerium ließ den Frankfurter Abgeordneten wissen, dass für den Schutz der Wohngebiete vor Verkehrslärm allein die Stadt Frankfurt zuständig sei. Übersetzt hießt das: Für die Frankfurter Wunschträume fühlte sich der Bund nicht zuständig.

Zu diesem Zeitpunkt, 2009, wurde in Frankfurt schon seit einiger Zeit über einen verbesserten Lärmschutz an der Autobahn diskutiert, die durch dicht besiedeltes Gebiet führt. Vor allem Bürgerinitiativen setzten sich dafür ein. 2007 beantragte die Linke im Stadtparlament, die Kosten für eine Einhausung zu ermitteln. Zwar fand sich dafür keine Mehrheit. Es dürfte sich aber um einen der erfolgreichsten abgelehnten Anträge der Parlamentsgeschichte handeln.

Denn nach vielen Jahren der Diskussion liegt jetzt tatsächlich eine belastbarere Kostenschätzung vor: Insgesamt dürften sich die Aufwendungen für einen 1,3 Kilometer langen Tunnel, den darauf geplanten Grünzug und die Unterhaltskosten auf annähernd eine Milliarde Euro summieren. „Das ist viel Geld und bindet Ressourcen in der Zukunft“, sagte Martin Huber, Vorsitzender der Volt-Fraktion im Stadtparlament. Es koste aber Lebensqualität, den Tunnel nicht zu bauen. Planungsdezernent Marcus Gwechenberger (SPD) zeigte sich zuversichtlich, Zuschüsse bei Bund, Land und EU einwerben zu können.

„Chance, eine Fehlplanung zu korrigieren“

Im Stadtparlament hat das Projekt am Donnerstagabend eine breite Mehrheit erhalten. Es handle sich um das „größte Grün-Projekt seit der Einrichtung des Grüngürtels“, sagte der SPD-Stadtverordnete Holger Tschierschke. Nach Ansicht von Gwechenberger besteht „die Chance, eine Fehlplanung zu korrigieren“. Kritik kam von der AfD, die das Vorhaben wegen der Kosten ablehnt. Die Linke stimmte dem Projekt zwar zu, doch nach Ansicht der Stadtverordneten Daniela Mehler-Würzbach kommt es zu spät.

In den vergangenen Jahren hat das Stadtplanungsamt zusammen mit der Deutschen Einheit Fernstraßenplanungs- und -bau GmbH (Deges), einer Gesellschaft von Bund und Ländern, das Projekt weitgehend unbemerkt vorangetrieben. Seit 2013 hat die Deges im Auftrag des Landes Hessen und der Stadt die technische Machbarkeit verschiedener Varianten untersucht, eine Kostenschätzung und einen Zeitplan erstellt. Jetzt hat die Stadt den Ergebnisbericht veröffentlicht, der schon vor einem Jahr fertiggestellt wurde.

Kürzere Variante technisch schwierig

Daraus geht hervor, warum jetzt doch eine lange Variante der Einhausung favorisiert wird. Vor rund zehn Jahren hatte sich der damalige Planungsdezernent Olaf Cunitz (Die Grünen) aus Kostengründen für einen nur 400 Meter langen Deckel ausgesprochen, der zwischen 100 und 200 Millionen Euro kosten sollte. Damit sollten bis zu 3500 Wohnungen rund um die Autobahn im sogenannten Ernst-May-Viertel möglich werden.

Später sprachen sich die Stadtverordneten für eine rund 1,1 Kilometer lange Variante aus, bei der unter anderem die bestehende Lärmschutzgalerie bei Seckbach erhalten bliebe. Die Studie hat aber ergeben, dass das technisch schwierig wäre. Außerdem würden zwei geplante Verkehrsprojekte erschwert, die Verlängerung der Straßenbahn von der Friedberger Warte nach Bad Vilbel und der U-Bahn von Bornheim nach Seckbach. Deshalb soll die Einhausung auf einer Länge von 1,3 Kilometer zwischen Friedberger Landstraße und Seckbacher Landstraße kommen. Das Bauwerk wird den Plänen zufolge so dimensioniert, dass es acht Fahrspuren überspannen kann.

Der Bau neuer Wohnungen, der einst ein zentrales Argument für die Einhausung war, spielt nur noch eine untergeordnete Rolle. Vorrangiges Ziel ist, die Grünflächen von Günthersburgpark und Huthpark über die Autobahn hinweg zu vernetzen. Sechs Hektar neue Freiflächen sollen entstehen. Das Stadtplanungsamt hat ein Video mit dem Titel „Grüner Bogen 661“ erstellen lassen, in dem zu sehen ist, wie die Autobahn unter einem grünen Deckel mit Spielplätzen, Gärten und Radwegen verschwindet. Gwechenberger kann sich vorstellen, dass der neue Grünzug, der die Größe des Volksparks Niddatal hat, Schauplatz einer Bundesgartenschau wird.

Um den neuen Park erleben zu können, ist aber Geduld nötig. Die Rede ist von einem „ambitionierten Generationenprojekt“. Zunächst kommt der sechsspurige Vollausbau der Autobahn 661, auf der täglich rund 100.000 Fahrzeuge unterwegs sind, die zwischen den Anschlussstellen Frankfurt-Ost und Friedberger Landstraße aber seit 30 Jahren nur ein Provisorium ist.  Laut Deges-Bericht werden die zusätzlichen Fahrstreifen bis 2029 fertiggestellt, zunächst mit bis zu zehn Meter hohen Lärmschutzwänden. 2033 soll der in Bau befindliche Riederwaldtunnel in Betrieb gehen, der zusätzlichen Verkehr von der A66 auf die A661 lenken wird.

„Das muss schneller gehen“

Die Einhausung wird nach dem von der Deges vorgelegten Planung aber erst später fertig. Für die reine Bauzeit werden sechs Jahre kalkuliert, die Tunnelröhren könnten demnach 2038 in Betrieb gehen. Doch die Stadtverordneten möchten nicht so lange warten. „Das muss schneller gehen“, sagte Friederike von Franqué (Die Grünen). Auch nach Ansicht von Frank Nagel (CDU) ergibt es wenig Sinn, erst Lärmschutzwände zu bauen und sie dann für den Tunnel wieder abzureißen. Auf Antrag der CDU soll der Magistrat prüfen, ob die Einhausung gleichzeitig mit dem Riederwaldtunnel fertiggestellt werden kann.

Gwechenberger hält es für möglich, die beiden Vorhaben zu synchronisieren. Er verwies auf ähnliche Projekte, die in Hamburg, Düsseldorf oder Würzburg bereits realisiert worden seien. Stadtplanung brauche den Mut, Projekte anzustoßen, die erst in Jahrzehnten Wirkung entfalten.

Von: Günter Murr